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C.B. Evans: Ad Hoc Order

31. Mai 2026 by GAK Gesellschaft für Aktuelle Kunst

Am 20. November 2099 geht in MEMORY! (2025) eine Erinnerung verloren. C.B. Evans‘ Videoarbeiten und Skulpturen, die hier im Kontext unserer Ausstellungsreihe for fear of continuity problems gezeigt werden, richten sich gegen den Schutt, den Abfall und die Toxizität, die durch die systematische Zerstörung der Zukunft entstehen.

Häufig nutzt C.B. Evans (belgisch-amerikanische Künstler:in, leben und arbeiten in Saint Denis, Frankreich) die Form der Videoinstallation, um Umgebungen in einer imaginierten Welt zu schaffen. Die Kunstwerke, aus denen diese Umgebungen bestehen, greifen technologische, politische und soziale Bedingungen der Gegenwart auf, um ihre zukünftigen Auswirkungen zu untersuchen und neu zu gestalten. Diesen oftmals vermeintlich abstrakten Konstellationen gibt Evans‘ in ihren Arbeiten eine emotionale Dimension.

Zum Ausgangspunkt der Ausstellung Ad Hoc Order werden die zwei Videoarbeiten MEMORY! (2025) und RECEPTION! (2024) – Charakterstudien einer Protagonistin und ihrer Doppelgängerin, eine Erinnerung, die ihren Körper verlassen hat. Beide leben in einer Welt, in der eine ökologische Krise zu einem Speicherplatzmangel führte und woraufhin die Bevölkerung einen Großteil ihrer persönlichen Daten verloren hat. Erstmals wurden die aufeinander reagierenden Arbeiten 2025 auf der Sharjah Biennale gezeigt, zusammen mit der Werkreihe Ad Hoc Order: Ein scheinbar aufgerissenes skulpturales Modell, das den Plenarsaal der Vereinten Nationen in New York neu imaginiert und das auf den Trümmern der zerstörten Stadt erbaut wurde. Während MEMORY! diese Umgebung aufgreift, spielt RECEPTION! in einem anderen Raum – dem ehemaligen Europäischen Parlament, welches zu einem „Globalen Archiv für Erinnerungsmanagement und -archäologie“ (Global Archive for Memory Management and Archaeology GAMMA) umgenutzt wurde. Die Arbeiten zeigen einzelne Charaktere, die, verwoben mit computergenerierten, gefundenen und festgehaltenen Bildern, auf Übersetzungsprozesse des kollektiven Gedächtnisses und kollektiver Verantwortung aufbauen. Beide fragen danach, wie und ob Erinnerung überleben sollte, angesichts der „Speicherkrise“, die wir – ausgelöst durch die Verschwendung unserer dysfunktionalen Gesellschaft – an künftigen Generationen vererben werden.

Ausgehend von dieser Vorstellung, dass Abfall sowohl eine allgegenwärtige Realität als auch ein Ad-hoc-Material für zukünftige Gesellschaften ist, begab sich Evans‘ in Vorbereitung auf die Ausstellung auf die Suche nach entmilitarisiertem Rüstungsabfall. Das gesammelte Metall stammt von EST Energetics, einer Abfallentsorgungsanlage, die den Müll einer boomenden europäischen Industrie neutralisiert und für einen neuen Lebenszyklus aufbereitet (während Tonnen von Rüstungsabfällen mit ihren physisch und psychisch giftigen Chemikalien in den Böden und Gewässern dieser Welt verbleiben). Dieser Recyclingprozess ist selbst Teil einer industrialisierten Kriegswirtschaft, die Wert aus Zerstörung schöpft.

Vor diesem Hintergrund ist wichtig zu erwähnen: Das aus der Lieferkette entnommene Material wurde von der Künstler:in persönlich und ohne jegliche finanzielle Gegenleistung gesammelt.

Aus der Umwandlung des Metallabfalls sind kleine Alltagsgegenstände entstanden, die nun in den Posterrahmen der GAK zu sehen sind. Wie auch in der ursprünglichen Ad Hoc Order Reihe, wird jedes Objekt von einem Titel begleitet, der als spöttische Drohung gegenüber einer bestehenden Ordnung gelesen werden kann und andeutet, dass die Überreste der automatisch erzeugten Krisen in nützliche Werkzeuge verwandelt werden, um die alte Ordnung zu überwinden und in eine neue überzugehen.

Ergänzt werden die Objekte von Plakaten, die ursprünglich für das Fundraisingprojekt Love is Resistance entworfen wurden, auf denen der Satz des palästinensischen Dichters Mahmoud Darwish an seinen kurz zuvor verstorbenen Freund Edward Said zu lesen ist: „I urge you to cling to the impossible!“ – Ich fordere dich auf, am Unmöglichen festzuhalten!

C.B. Evans Ausstellung Ad Hoc Order ist die fünfte in unserer Reihe for fear of continuity problems, die sich in einem Teilbereich der GAK sowie den Posterrahmen im Außenraum mit Erinnerung und Gedächtnis auseinandersetzt.

23.05.–05.07.2026

Eröffnung: 22.5. 19:00

Die Reihe for fear of continuity problems ist die Einladung zu einem Ping-Pong-Spiel mit dem kleinen Buchladen der GAK und der Frage, wie sich Erinnerung, Perspektiven, Narrationen, Identitäten und Unbewusstes verräumlichen und öffentlich verhandeln lassen. Julia Horstmann hat für das gemeinsam konzipierte Projekt ein neues Bücherregal entworfen, das angelehnt ist an die Idee vom Gedächtnispalast, einer Methode der Erinnerung anhand von Räumen und Artefakten.

Gefördert durch

Der Senator für Kultur der Freien Hansestadt Bremen, Liebelt Stiftung Hamburg, Waldemar Koch Stiftung, Sparkasse Bremen

Kategorie: Ausstellung

Beth Collar, Harm Coordes & Luisa Recker, Alex Hojenski sowie Pierre Allain und Jashua Bustos Chumasero:Produced on the Skin

31. Mai 2026 by GAK Gesellschaft für Aktuelle Kunst

Die Gruppenausstellung Produced on the Skin zeigt vom 23. Mai bis 23. August 2026 künstlerische Arbeiten, die sich mit den Schnittstellen und Grenzbereichen auseinandersetzen, die uns umgeben und uns ausmachen. Über die Haut, den Sehsinn, Berührungen und die Struktur unseres Gehirns, über technische Apparate, Kleidung und Architektur vermitteln unterschiedliche Arten von Membranen zwischen Individuen und ihrer Umgebung. Sie verarbeiten und reagieren auf Eindrücke. Sie prägen, wie wir uns verhalten, was hineindarf und was wir lieber nicht an uns ranlassen, wovor wir uns schützen und womit wir aktiv umgehen und was wir nach Außen tragen wollen. Der Begriff des Prägens ist dabei mitunter auch ganz plastisch zu verstehen: von Substanzen bis zu Erlebnissen – Einflüsse verändern Körper, Gehirne und Haltungen.

„Ich habe immer gedacht, dass künstlerisches Schaffen ein Weg der Hautlosen sei, um sich mit einer Haut zu versehen“, schreibt die Schriftstellerin Kirstina Lugn in „Hundstunden“. Künstlerisches Arbeiten begreift sie in diesem Sinne als Membran, die die Beziehung zwischen selbst und Umgebung, zwischen Sprache und Material filtert. Die künstlerischen Arbeitsweisen in der Ausstellung verhandeln diese materiellen Grenzen und reflektieren was aufgenommen wird und in welcher Form es wieder ausgegeben wird. Sie thematisieren Fragen von Verkrustung und Durchlässigkeit, Rückzug und Verflüssigung, Nähe und Distanz.

Kategorie: Allgemein, Ausstellung

Hella Gerlach: Spektrum

11. März 2026 by GAK Gesellschaft für Aktuelle Kunst

Die Ausstellung Spektrum von Hella Gerlach ist die vierte Ausstellung in der Reihe for fear of continuity problems, die sich in einem Teilbereich der GAK sowie den Posterrahmen im Außenraum mit Erinnerung und Gedächtnis auseinandersetzt.

In ihren Arbeiten beschäftigt sich Hella Gerlach (*1977, lebt in Berlin) mit Kommunikation und Beziehungen als Zusammenspiel von Körpern und Technik. Im Zentrum steht dabei oft die Berührung. Was berührt, hinterlässt eine Spur, löst eine Reaktion aus und bildet einen Datensatz, der sich in Technologien und Körper einschreibt. Das Spektrum, in dem diese Berührungen stattfinden können, ist groß. Mittels Sensoren und deren Erweiterungen können körperliche Berührungen große Distanzen ebenso überbrücken wie unterschiedliche Formen von Wahrnehmung zwischen Körpern.

Große und kleinere Wollobjekte, die Gerlach modelliert, gewaschen und weiter in Form gezogen hat, hängen an Gummiseilen im Raum. Sie sind teils mit Technik ausgestattet, was ihre Möglichkeiten der Reaktion auf Berührungen um Zitterbewegungen und Schwingungen erweitert. Die Kommunikation zwischen den Objekten selbst sowie zwischen ihnen und Menschen verläuft non-verbal und schreibt sich als Erinnerung ein. Inside-out heißt diese Serie taktiler Objekte, deren Formen an von innen nach außen gedrehte Körper erinnern.

Diese Bewegung zwischen Innen und Außen greift Hella Gerlach auch in einer Soundarbeit sowie im Außenraum auf. Hier bringt sie die eigentlich innenliegenden Seiten ihrer aktuellen Publikation Kollagen auf die Wand. Mittels Händen und Ohren, vorhandenen und neuen Buchseiten entfaltet sich auf der Gebäudehülle eine Text-Bild-Sammlung zu unterschiedlichen Formen und Gesten der Berührung. Jede Berührung ist eine Verkettung sensorischer Wahrnehmungen. Schwingungen werden übertragen und umgewandelt, weitergegeben und durch unzählige Materialien geleitet, gebündelt, gespeichert und wieder weitergegeben. Gerlachs Arbeiten verhandeln dabei durchaus auch Spannungen zwischen Körper und Technologie, zwischen Möglichkeit und Verletzlichkeit, Erweiterung und Verlust.

Kategorie: Ausstellung

Ian Waelder: Zungen

21. Januar 2026 by GAK Gesellschaft für Aktuelle Kunst

Die Ausstellung Zungen von Ian Waelder ist die dritte in der Ausstellungsreihe for fear of continuity problems, die sich in einem Teilbereich der GAK sowie den Posterrahmen im Außenraum mit Erinnerung und Gedächtnis auseinandersetzt.

Ein Kind steht über die Jahre hinweg immer wieder vor dem heimischen Bücherregal – so begann ein Gespräch, das Waelders Ausstellung vorausging. Noch sehr klein hatte es nur zu den unteren Büchern Zugang. Je größer das Kind wurde, desto mehr Regale und desto verschiedenere Bücher konnte es erreichen. Vor einem Bücherregal reckt man sich regelmäßig nach oben oder beugt sich nach unten, um die Reichweite zu erhöhen. Wissen und Erinnerung haben ebenfalls mit Reichweite zu tun, in Bezug auf Körper und Sprache. Und beide sind miteinander verschränkt.

In Ian Waelders Ausstellung befindet sich ein Raum mit niedriger Deckenhöhe, eine Art Kiste, die man betreten darf. Ist man zu groß, um aufrecht hineinzugehen, muss man sich bücken, um die Fotografien in ihrem Inneren zu betrachten. Sie zeigen wiederholt eine Pflanze, deren Wachstum sie über die Jahre dokumentieren. Die Zeitlichkeit, die sie einfangen und aufrufen, ist auf intime Weise mit dem Künstler selbst verknüpft. Seine Mutter hatte die Pflanze am Tag seiner Geburt geschenkt bekommen. Seither wächst sie mit ihm mit.

Momente der Wiederholung, die auch bei den Werken für den Außenraum eine Rolle spielen, kommen in Waelders Arbeiten häufig vor. Scheinbar zufälligen Objekten oder Bildern, die er gefunden hat oder die ihm geschenkt wurden, verleihen sie eine Kontinuität, die ihre Bedeutung ausdehnt. Teil dieser Wiederholung ist ein Insistieren, das zu erfassen sucht, was anwesend aber auch versteckt ist. An der Wand im Außenraum, auf der normalerweise dreizehn Posterrahmen hängen, ragt eine Serie von Skulpturen in den Weg der Vorbeigehenden. Sie basieren auf einem Schuhleisten, der kontinuierlich in Waelders Arbeiten auftaucht. Wie der Aschenbecher neben dem Eingang der GAK bieten sich diese Objekte als Behältnis für etwas an, das aufbewahrt oder weggesteckt wird, und schaffen Raum für leicht unbewussten und alltäglichen Kontakt.

Erinnerung ist zentral in der Arbeit von Ian Waelder. Er verwebt auf komplexe Weise Objekte, Bilder und Räume zu Trägern von Erinnerungen und Haltungen. Seine Modifikationen von Räumen, die Ecken, um die man biegt, die Skulpturen, Bilder und Klänge, denen man begegnet, sie alle sind Behältnisse für ein Wissen, das nicht vollständig zugänglich ist. Sie sind aber auch eine Einladung, Verbindungen herzustellen zu einer persönlichen Geschichte, die wiederum verknüpft ist mit einer darüberhinausgehenden Geschichte.
Der Titel Zungen bezieht sich vielleicht auf diesen vor-sprachlichen Moment einer “Es-liegt-mir-auf-der-Zunge-Erfahrung”, in der bewusste Erinnerung scheitert. Ein Wort, das man kennt, ist beinahe dabei herauszukommen, kann aber nicht ausgesprochen oder erreicht werden, es entsteht ein Sprung in der Zeit. Man sagt, dieses Phänomen ist mit Gefühlen verbunden und je stärker diese sind, um so schwieriger ist es, die Erinnerung an das Wort zu finden.

Zum  Künstler
Ian Waelder (* 1993) schloss 2023 sein Studium an der Städelschule in Frankfurt am Main ab, wo er als Meisterschüler bei Prof. Haegue Yang studierte. Derzeit ist er Stipendiat der Laurenz-Haus-Stiftung in Basel (2025/26). Zu seinen jüngsten Einzelausstellungen zählen unter anderem die Kestner Gesellschaft (Hannover, 2025), carlier | gebauer (Berlin, 2025) und Es Baluard Museu d’Art Contemporani (Palma, 2023–24). Gruppenausstellungen fanden unter anderem in Institutionen und Galerien wie der Kunsthalle Wien (Wien), der ifa Galerie (Berlin), nsdoku (München), Petrine (Paris), der Fundació Antoni Tàpies (Barcelona), der Delfina Foundation (London), Francis Irv (New York), dem Nassauischen Kunstverein (Wiesbaden) und La Casa Encendida (Madrid) statt.

Er war Artist-in-Residence am WIELS – Center for Contemporary Art (Brüssel, 2024) und erhielt Stipendien, darunter das basis Hessisches Atelier Programm (2025–29), das DZ BANK Kunststiftung Förderstipendium (2023–24) und den Städelschule Portikus e.V. Graduation Prize (2023).

Kategorie: Ausstellung

Mara Wohnhaas: What do we want that seduces us und The Anecdote

16. Januar 2026 by GAK Gesellschaft für Aktuelle Kunst

Mit What do we want that seduces us und The Anecdote präsentiert die GAK die ersten institutionellen Einzelausstellungen von Mara Wohnhaas (*1997, lebt in Düsseldorf).
Mara Wohnhaas beschäftigt sich in ihren Arbeiten mit den Mechanismen von Denk-, Sprach-, Wahrnehmungs- und Raumstrukturen, deren Logiken und Widersprüchlichkeiten sie aufgreift, ausdehnt oder ad absurdum führt. Häufig sind ein Ereignis oder ein kurzer, performativer Moment Ausgangspunkt für Wohnhaas‘ Skulpturen, Performances, Zeichnungen, Foto- und Videoarbeiten. Auch Sprache spielt für die Künstlerin eine wichtige Rolle: sie produziert Erwartungen, verspricht Annäherung und ist gleichzeitig ein schlüpfriges System der Distanz und Abstraktion.

In What do we want that seduces us stehen sich zwei Nachbauten einer illusorischen Bühne gegenüber. Mit den Skulpturen nähert sich Wohnhaas dem Originalobjekt bis hin zum Stoff des Bühnenhintergrunds und dem Holzfurnier möglichst detailgetreu an. Sichtbar sind nur die Außenseiten und ihre jeweiligen Oberflächen. Der Zaubertrick selbst ist dauerhaft an- und abwesend als latente Möglichkeit von etwas, das stattgefunden haben könnte oder noch stattfinden wird. Zwischen minimaler Skulptur und Bühnenraum, technischer Logik und Illusion wirft What do we want that seduces us Fragen danach auf, was wir sehen, woran wir glauben und was wir wissen wollen.

The Anecdote präsentiert sich als intimerer Raum, in dem Wohnhaas Fragen von Wert- und Bedeutungsschöpfung aufgreift. Strategien, mit denen versucht wird, Eindeutigkeiten zu schaffen, erweisen sich dabei als instabile Projektion. The Anecdote versammelt Momentaufnahmen und zeichenhafte Abdrücke von Ereignissen, löst die für die Anekdote so typische Pointe aber nicht ein. Stattdessen balanciert die Ausstellung zwischen Logik und Zufall, Wahrhaftigkeit und Unschärfe.

Aus vermeintlichen Zusammenhängen entstehen in Mara Wohnhaas‘ Arbeiten Beziehungen, in denen die Zirkulation und Relativität von Wissen, Vernunft, Wahrheit und Schein verführerisch und humorvoll kollaborieren. Sie spiegeln ein in sie hineingelegtes Begehren und übertragen es in Form und Material. Während die Objekte in What do we want that seduces us klar und geometrisch abgegrenzt sind und das Innenleben verborgen bleibt, drängt sich in The Anecdote der subjektive Blick als Schnittstelle zwischen Innen- und Außenleben buchstäblich ins Bild und verunklart die Ränder. Diese Aufhebung der gedanklichen Trennung zwischen Psychologie und Empirie, dem Unsichtbaren und dem Sichtbaren, Vorstellung und Faktischem bezieht sich dabei ebenso auf künstlerische Praxis wie auf die Beziehung zur Umwelt sowie die Kommunikationsformen und Medien, die sie prägen.

Kategorie: Ausstellung

Majd Abdel Hamid: Wann hast du das letzte Mal am Tag geträumt

9. Dezember 2025 by GAK Gesellschaft für Aktuelle Kunst

Majd Abdel Hamid, daydreamers (fortune tellers), GAK Bremen 2025. Foto: Franziska von den Driesch.

Wann hast du das letzte Mal am Tag geträumt ist Majd Abdel Hamids erste institutionelle Einzelausstellung in Deutschland. Hamid zeigt Stick- und Stoffarbeiten, in denen er Denk- und Erinnerungsprozesse sowie die Beziehung zu einer vorhandenen oder möglichen Welt im Vor und Zurück des Fadens verdichtet – oder auflöst. Zugleich ist es die zweite Ausstellung unserer Reihe for fear of continuity problems, die sich in einem Teilbereich der GAK sowie den Posterrahmen im Außenraum mit Erinnerung und Gedächtnis auseinandersetzt.

In einem kontinuierlichen, tagebuchartigen Prozess steht das Sticken seit einigen Jahren im Zentrum von Majd Abdel Hamids Praxis. Darin greift er Tatreetz, die traditionelle Form palästinensischer Stickerei, auf, ohne den Fokus auf Symbolik und Perfektion zu legen. Waren es zu Beginn noch mediale Bilder, deren Pixel Hamid in seinen Stickarbeiten in den Fadenlauf übertragen und wiederholt hat, so sind die Arbeiten inzwischen zumeist abstrakt. Im langsamen Vor und Zurück des Kreuzstichs entstehen Formationen, Notationen und Kartografien, die Denk- und Erinnerungsprozesse auf taktile Weise begleiten, festhalten und fortschreiben.

In seiner Ausstellung in der GAK sind im Außenraum weiße Stickereien zu sehen, die erst bei genauem Hinsehen und anhand von Schatten und Textur ihre Motive preisgeben. In den Posterrahmen entziehen sich diese gleichermaßen zurückhaltenden wie intensiven Stickereien den Aufmerksamkeitslogiken des schnellen Vorübergehens und der Hyperpräsenz der Bilder: keine Farben, keine Formen, die sich schnell erschließen, sondern die Aufforderung, sich Zeit zu nehmen – so wie es Hamid selbst in seinem Arbeitsprozess tut. Erst dann geben sie den Blick frei auf die Wege, die die Nadel und mit ihr die Gedanken genommen und nachvollzogen haben.

Die drei Werkserien im Innenraum basieren auf kleinen Stoffresten. Vorsichtig herausgelöste Fäden lassen in Gewebe und Mustern fragile Bilder von Verlust, aber auch Offenheit entstehen. Die gewonnenen Fäden wiederum hat Hamid in kleinen Kreisen auf Papiere gestickt und ihnen eine neue, stark verdichtete Präsenz gegeben. Es entstehen Codes, die an Lochkarten und automatisierte Webstühle erinnern lassen, sich der binären Entweder-oder-Logik und automatisierten Lesarten jedoch verwehren. Hamids Karten tragen konzentrierte Informationen, deren Vielzahl von Fäden darauf warten, auf offenere Weise ausgelesen zu werden. In einer Ecke häufen sich tausend aus Stoff gefaltete „fortune teller“ wie bei Félix Gonzalez-Torres die Bonbons. Auch Hamid lädt die Besucher:innen ein, sich eines der kleinen Fingerspiele mitzunehmen. Die „fortune teller“, die im Deutschen Himmel und Hölle heißen, dienen dem Vorhersagen einer Zukunft. Üblicherweise enthalten sie vorgegebene Möglichkeiten, hier aber sind sie unbeschrieben und eine Einladung zum taktilen Bewegen unendlicher, vorstellbarer Möglichkeiten und zum Tagträumen.

Der Titel der Ausstellung Wann hast du das letzte Mal am Tag geträumt nimmt Bezug auf ein Interview mit dem syrischen Oppositionellen Riad al-Turk, der im Gefängnis tagtäglich aus seiner Suppe Linsen heraussammelte und mit diesen auf seinem Betttuch Zeichnungen legte. Jeden Abend musste er sie zerstören, um schlafen gehen zu können, und begann am nächsten Tag aufs Neue. Für ihn war es ein Mittel, sich davon abzuhalten, Tagträumen nachzuhängen, weil sie die Unmöglichkeit des In-Kontakttretens mit der Welt so deutlich offenbart hätten. Hamid wiederum sucht den Kontakt mit der Außenwelt gerade in dieser Tagträumerei, die er als Mittel der Potentialität, der Reflexion und Imagination sieht. In seinen Stick- und Stoffarbeiten sucht er in der alltäglichen Wiederholung die Offen- und Unabgeschlossenheit zwischen Erinnerung, Wissen und Zukunft. Die langsame Handarbeit, die sich Automatisierung und Beschleunigung freiwillig entzieht, ob in der Verdichtung des Stickens oder der Auflösung von Textilien, ist Mittel des Denkens ebenso wie der Erinnerung und des sich In-Beziehung-Setzens zur Welt.

Kategorie: Ausstellung

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